Romiliy – was 1999 geschah

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Dieses Mal ist es nicht Lisa aus der 9A in Bremen, die in Lektion 2b, Découvertes 3, aufgeregt ihrer Ankunft in Arras entgegenblickt, wo ihre »corres« sie erwartet. Am 22.9.99 sind es Nadine, Stefan, Frederic, Jutta und 28 weitere Schülerinnen und Schüler, die kurz vor der Ankunft in der französischen Partnerstadt Romilly fieberhaft den „Überlebenswortschatz-Französisch” durchblättern. Wer weiß, ob nicht gerade heute Abend der Satz „Können Sie bitte einen Tierarzt rufen, mein Hund hat die Masern!” von ungemeiner Bedeutung sein könnte!

Was erwarten 32 Lüdenscheider Schülerinnen und Schüler von einem Schüleraustausch und was erwartet sie?

„Schönes Wetter” wünscht man sich „viel Spaß”und dass der oder die »corres« nett ist. Und dass die französischen Schüler gut deutsch sprechen, weil man doch selbst so schlecht in Französisch ist.

Leider nicht durchgängig, …jaa!!!,… meistens ja,… nicht alle… – so müssten jetzt im Nachhinein in dieser Reihenfolge die Kurzkommentare zu den oben genannten Erwartungen lauten.

Vielseitig und ansprechend wie in jedem Jahr war das Programm gestaltet. Französische Kultur zum Anfassen und (Aus-) Probieren erlebten die deutschen Schülerinnen und Schüler bei der Weinlese und Champagnerprobe, beim Kneten von Baguettes, beim Käseverkosten. Städtetouren nach Paris und Troyes und der Besuch des Schlosses von Vaux-le-Vicomte rundeten das Programm ab. Insgesamt hätte man sich vielleicht gerne für die einzelnen Programmpunkte etwas mehr Zeit gegönnt (oder werden hier nur Betreuerwünsche laut?).

Eine Führung durch das Collège Le Noyer Marchand, vor allem aber die Teilnahme am Kantinenessen und die gemeinsame Fahrt im Schulbus mit den französischen Schülern (ein Besuch des Unterrichts war leider nicht vorgesehen) konnten einen Eindruck des eher anstrengenden französischen Schulalltags vermitteln.

Und wenn dann mit der Abfahrt der Schulbusse vom Parkplatz gegen 17.00 Uhr der offizielle Teil des Programms beendet war, verwirklichte sich der eigentliche „Austausch”: am Abend allein in der Gastfamilie oder gar ein ganzes Wochenende lang sich auf die fremden Eindrücke und auf die fremde Sprache einzulassen, zu erkennen, dass Nichtverstehen zu Missverstehen führen kann.

Solche mit gewachsenem Selbstbewusstsein gemeisterte Situationen wechselten ab mit Phasen der „Entspannung”, wenn bei einem der zahlreichen privaten Treffen zwischen französischen und deutschen Schülerinnen und Schülern – sei es zu einer Fete oder nur zu „Mac Do” – ungezwungen das Gelernte in französischer Sprache angebracht werden konnte, weil man sich ja im Notfall der Rückendeckung durch die deutsche Sprache sicher sein konnte. Die Bedeutung solcher informeller Treffen ist wohl gar nicht hoch genug anzusetzen, zumal vergleichbaren gemeinsamen Unternehmungen im offiziellen Teil des Programms aufgrund des anstrengenden französischen Schulalltags nur wenig Platz (Fahrt zum Vergnügungspark Astérix) eingeräumt werden konnte.

Den meisten der 32 BGLer eröffnete diese Fahrt nach Romilly zum ersten Mal die Möglichkeit, mit Muttersprachlern französisch zu sprechen und Unterrichtswissen konkret anzuwenden. So vielfältig die Bemühungen im Französischunterricht, Gelerntes in seinen alltäglichen Kontext zu stellen, auch sein mögen – Rollenspiele, Dialoge… – alle Formen sind zwangsläufig in den Rahmen des »imaginez-vous« gepresst und können nicht über die bloße Simulation von Erfahrungswirklichkeit hinwegtäuschen. „In der Schule behalte ich Vokabeln höchstens bis zum nächsten Vokabeltest. Wenn ich hier ein Wort nachschlage, merke ich es mir viel besser – könnte ja sein, dass ich es bald wieder gebrauchen kann!”

Der „Nutzen” eines solchen Austauschprogramms ist nicht messbar. Messbar vielleicht an der Anzahl der Briefkontakte zwischen den Austauschschülern? An der Ernsthaftigkeit und Häufigkeit der formulierten Pläne, sich „auch mal so” zu besuchen? Erfahrbar wird er im Unterricht, wenn sich regelrechte Motivationsschübe bemerkbar machen, wenn eingestreute Anekdoten und neu eingebrachtes Sprachmaterial (aufgeschnappt, umgangssprachlich, garantiert in keinem Lektionstext zu finden und deshalb so interessant!) die Französisch-Stunde beleben und bereichern.

Schließlich tragen am 30.9.99 vielleicht auch die nicht restlos Begeisterten neben der obligatorischen Champagnerflasche die simple und wichtige Erkenntnis nach Hause, dass Französisch nicht nur zweite Fremdsprache ab Klasse 7 ist, aus purer Bosheit und zum Leidwesen der Schüler erfunden. Es gibt Menschen, die diese Sprache sprechen, und wenn sie das tun, dann klingt das nicht nur sehr schön, sondern man kann sich auch mit ihnen verständigen!

Aus dem Jahrbuch 1999 übernommen
Daniela Günther

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