St. Martin 2005: Mit Zahlen nicht zu fassen

32. Skifreizeit

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Jedes Jahr wird der jüngste teilnehmende Lehrer mit der Erstellung eines umfassenden Berichtes beauftragt. In diesem Jahr also ich. Zwar bin ich streng genommen noch kein Lehrer, dafür aber mit meiner Fächerkombination Sport/ Mathematik geradezu prädestiniert für die Teilnahme an der Skifreizeit und natürlich auch für Erstellung des Berichtes. Konnte ich auf der Piste von meinen sportlichen Vorerfahrungen profitieren, so ist es nun die Mathematik, genauer die Statistik, die mir hilft einen ausführlichen Bericht zu erstellen. Denn wie sollte man den Verlauf, die Besonderheiten und die Erlebnisse einer solchen Fahrt präziser erfassen und darstellen als mit den Mitteln der Statistik? Hier also nun mein Bericht:

Betreuendes Personal

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2 Cheforganisatoren
2 Lehrerinnen
2 Lehrer
1 Referendar

Teilnehmer

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103 Schülerinnen und Schüler
63 Mädchen
40 Jungen
97 Skifahrer
6 Fußgänger

Rund um die Skischule

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6 Skischultage
4 Pisten
7 Gruppen
5 Anfängergruppen
2 Fortgeschrittenengruppen

Gesundheit

0 schwere Verletzungen
6 kleinere Blessuren (ca.)
1 Lebensmittelallergie

Rituelles

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7 Besuche im Monigold
15 verschiedene Geräusche zur Bündelung der Schüleraufmerksamkeit
1 Fackelabfahrt
1 Kaiserschmarren serviert vom Lehrkörper
1 mal Stempeln
1 Abschiedsabend mit Skilehrern, etc.

Besonderheiten

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1 Schneesturm
2 mal Snowtubing
1 unerwünschter Besuch

So, alles klar?

Im Grunde ist damit alles gesagt und ich kann meinen Bericht an dieser Stelle beenden …
… aber irgendetwas stört mich! Es scheint fast so als wäre die Statistik an ihre Grenzen gestoßen. Als ob man der Fahrt mit einem rein statistischen Bericht einfach nicht gerecht werden kann. Zu viele Dinge bleiben unerwähnt: der Blick vom Sonnrain hinunter ins verschneite Tal und hinauf auf die höher gelegenen Gipfel, die hingebungsvolle Gastfreundschaft mit der wir aufgenommen wurden oder der raue Scharm vom Sepp, der aus einer zwar urigen, aber doch einfachen Hütte etwas Besonderes macht. Ich komme also nicht umhin doch noch einige Ereignisse und Erlebnisse in Worte zu fassen.

Ich fange dabei am besten noch einmal ganz Vorne an …

Von dem Moment an, als wir mit dem Bus auf den Parkplatz in St Martin fuhren, übernahmen unsere beiden „Chefs“ Arndt Fiedler und Alfons Vos das Kommando und führten von da an Lehrer wie Schüler mit sicherer Hand durch eine ereignisreiche Woche. In den vergangenen 32 Jahren haben sich feste Eckpfeiler im Programm gebildet, die von den beiden gepflegt und ergänzt werden. In einem rituellen Rhythmus tauchen diese Eckpfeiler Jahr für Jahr wieder auf und lassen doch jedem die Möglichkeit St Martin neu zu entdecken. Eine detaillierte Beschreibung dieser Rituale, ergänzt durch die eine oder andere Anekdote ist es wohl auch, was St Martin Fahrt am besten beschreibt. Da meine Vorgängerin dies bereits in geradezu liebevoller Art getan hat und Rituale nun mal die Eigenschaft haben sich nicht wesentlich zu verändern, möchte ich an dieser Stelle einfach auf ihren Bericht verweisen.
Dafür werde ich von einem Ereignis berichten, das wohl so schnell niemand mehr in dieser Form erlebt. Gemeint ist die Fackelabfahrt! Am Montag Abend gegen 19 Uhr machten wir uns zu sechst auf den Weg um den Schülerinnen und Schülern eine Fackelabfahrt mit Feuerwerk zu präsentieren. Gut gelaunt und bestens vorbereitet fuhren wir den einsamen Wurzer im Mondschein hinauf. Doch oben angelangt mussten wir feststellen, dass der Berg viel weniger einsam war als wir vermuteten. Ein Tourengänger hatte die Steigung ganz ohne Lift bezwungen und da er uns ohne das kleinste Zeichen von Erstaunen begrüßte versuchten auch wir unsere Überraschung so weit wie möglich zu verbergen.

Ohne uns weiter um ihn zu kümmern, starteten wir unseren Lauf um an der ersten Kante unsere Raketen zu zünden. Jedem, der es versuchen sollte, gebe ich allerdings den Rat dafür zu sorgen, dass die Raketen nicht zu tief im Schnee stecken, denn eine Rakete, die am Boden zündet, ist allerhöchstens für die direkt nebenstehenden spektakulär.
Da wir aber bis auf eine alle Raketen ordnungsgemäß zum Abschuss gebracht hatten lag der erste Teil unserer Mission erfolgreich hinter uns. Der zweite Teil startete dann mit deutlicher Verspätung, da uns der Wind beim Entzünden der Fackeln einen Strich durch die Rechnung machte. Doch dann konnte es los gehen und zielsicher fuhren wir mit den Fackeln in der Hand unsere Bögen dem Tal entgegen. Sicher zumindest so lange, bis ein herrenloser Ski den Hang hinunter über Alfons Skier und an den Schülerinnen und Schülern vorbei ins Tal schoss. Das dies unsere zweite Begegnung mit dem Tourengeher gewesen war, realisierten wir erst als wir feststellten, dass wir noch allesamt auf zwei Skiern standen und der Ski eindeutig von weiter oben gekommen war. Unsere Vermutung wurde dann zur Gewissheit, als eine dunkle Gestalt auf einem Ski den Berg hinunter gestolpert kam.

Von da an konnte die Fahrt dann ohne weitere Schwierigkeiten zu Ende geführt werden. Allerdings möchte ich noch anmerken, dass man, falls man keine Asbesthandschuhe zur Verfügung hat, gut auf die Flamme seiner Fackel achten sollte. Herkömmliche Handschuhe reagieren auf Feuer sehr empfindlich, wie ich leidvoll erfahren musste.

Eingangs sagte ich, dass die Fackelabfahrt wohl so schnell niemand mehr in dieser Form erlebt. Und damit wäre ich dann doch wieder bei der Mathematik angekommen, denn es würde mich doch mal interessieren, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass an einem in 364 Nächten verlassenem Berg ein Ski mitten durch eine Gruppe ahnungsloser Skifahrer und an einer Gruppe ahnungsloser Schüler vorbei schießt, ohne ernsthaften Schaden anzurichten.

Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Geschichte in den nächsten Jahren noch das eine oder andere Mal im Hockstüberl erzählt wird. Dem Ort wo sich gegen Abend die Lehrer treffen und wo man so manche interessante Erkenntnis über die Kollegen sammeln kann. So habe ich z.B. herausgefunden, dass man Sabine Beermanns Symmetrieempfinden auch beim Brötchen stapeln nicht stören sollte und dass Ernest Taylor sich auch in den Alpen noch einen Strandspaziergang wünscht, um die innere Ruhe zu finden.

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Ralf Rüther
Februar 2005

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